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Sonntag, 8. September 2013

Kurt Schramm, Kaffee, Silly und Troja


Wer den letzten Blogeintrag gelesen hat, ist vielleicht ein bisschen verwundert gewesen, dass sich ein nicht ganz unbekannter Herr Schramm in Katinkas Text geschlichen hat, um Goethe und Schiller ein bisschen am „Sockelfuß“ zu kratzen. Kurze Zeit später gereichte es einer schlichten Tasse Kaffe samt Milchschaumkrönchen zur Ehre, eine kulturpolitische Debatte auszulösen. Eine Malerin meinte, wir sollten sie unbedingt einmal besuchen, wenn wir unter Kultur nicht nur Gerede meinen.
Machen wir, liebe Ute und nehmen an, dass du aufmerksam unsere Blogeinträge verfolgst.

Für uns ist Kultur der „Kitt“ der sozialen Gesellschaft, Kultur entsteht mit und durch Menschen, ist Genuss und Leid, ist Auseinandersetzung und Freude, Lachen und Weinen, Versuch und Irrtum, Erkenntnis und Staunen. Die Mittel, die der einzelne Mensch dazu für sich in Anspruch nimmt, mögen so vielfältig sein, wie die Menschen selbst. Kultur ist Kommunikation und deshalb für jeden wichtig. In der Sprache der Politik heißt das: Kultur ist für jeden zugänglich zu machen, ohne Schranken!

Eröffnungskonzert zum Tag des offenen Denkmals
 Am Freitag vor dem alljährlichen Tag des offenen Denkmals findet in meiner Heimatstadt Altenburg ein Eröffnungskonzert statt, welches auch mit der Verleihung des Denkmalschutzpreises und der Ehrung aktiver denkmalschützender und –pflegender Bürgerinnen und Bürger einhergeht. Und ich gestehe: Ich bin dann richtig stolz auf meine Stadt, mein Land, auf seine Menschen und ihr Engagement. Und ich stutze: Darf ich stolz sein, ich als Linke?
Seit einiger Zeit gehört zu dieser Überlegung ein Lied von Silly. „Vaterland“ heißt es. Es richtet sich gegen Waffenexporte. Anna Loos und Silly fragen: „Wie lieb’ ich so’n Land, mit Herz oder Verstand, blind oder mit Blick über den Rand?“ und selbst beim Schreiben dieser Zeilen bekomme ich Gänsehaut. Mehr möchte ich nicht dazu schreiben, empfehle aber unbedingt das dazugehörige Video.



Und Gänsehaut bekam ich auch zum Eröffnungskonzert zum Tag des offenen Denkmals 2013, als das JugendSinfonieOrchester der Musikschule des Altenburger Landkreises mit Beethovens „Ode an die Freude“ die Veranstaltung eröffnete  und im Laufe des Abends zeigte, welches Können und welche Leidenschaft in diesen ganz jungen Musikern wohnt. Gegen 23 Uhr war das Konzert zu Ende, die jüngeren Musiker waren todmüde und trotzdem glücklich, nachdem sie noch eine Zugabe präsentiert hatten.

Ihr Musikalischer Leiter Holger Runge war am frühen Morgen in die Brüderkirche, dem Ort des künstlerischen Geschehens, gekommen, hatte Stühle platziert, Notenpulte aufgebaut, danach Unterricht gegeben, ab dem Nachmittag mit dem Orchester geprobt und am Abend dieses großartige Konzert dirigiert. Zuvor hatte er die Konzertliteratur für sein Jugendorchester bearbeitet und „nebenbei“ als Pädagoge ermutigt, motiviert, korrigiert.

Die Bedingungen, unter denen Menschen wie er und seine Kolleginnen und Kollegen in den Musikschulen, den Jugendkunstschulen und den allgemeinbildenden Schulen arbeiten, werden wir im nächsten Plenum diskutieren. Ich weiß, dass deren Arbeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann- ihre Bezahlung ist zum Teil erbärmlich. Und wenn mir dann noch erzählt wird, dass eine politische Gruppierung, deren Namen ich natürlich nicht verrate, die Musikschüler zu einem Konzert einlud und sie mit der Bemerkung begrüßte: „Spielt mal nicht so lange, das Essen soll gleich serviert werden“, hoffe ich, dass das niemals seitens einer mir nahestehenden politischen Gruppierung passieren möge.

Doch bleiben wir bei den offenen Denkmalen 2013. Der Sonntag steht unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“
Ich finde, das ist ein sehr passendes Programm, auf dessen Spuren ich mich begeben werde. Und dann füllt sich mein Bestand an Geschichten zu den Orten wieder auf: Da nennt doch der Altenburger Denkmalpreisträger die Giebelfigur auf seinem preisgekrönten Denkmal ganz despektierlich seine „Püppi“ (orig. „Viktoria“ !). Christian Repkewitz wird einen Rundgang durch das „jüdische Altenburg“ präsentieren im Wissen darum, dass es bei uns keine jüdischen Mitbürger mehr gibt. Und für das ehernamtliche Engagement von Christian kann man derzeit sogar im Internet abstimmen. Er hat es verdient!
                                                
 Engagierte Altenburger Bürgerinnen und Bürger haben es geschafft, dass die fast vergessene  Margaretenkapelle  im fast vergessenen Martinsgässchen wieder von sich reden macht und nach Entwicklungspotentialen unserer über tausendjährigen Stadt gefragt wird.

Und da ist sie wieder, die Silly-Frage: „Wie lieb’ ich so’n Land, mit Herz oder Verstand, blind oder mit Blick über den Rand?“

Ja, ich liebe dieses Land…mit Blick über den Rand und nur so.

Ich will dann schon einmal neugierig machen auf den Blick über den Rand. Am 11. September (!) reise ich unserem Schauspielensemble nach Troja hinterher. Ich bin Patin eines Projektes, welches den „ Stoff der antiken griechischen Tragödie, die das durch den Krieg hervorgerufene Leid unzähliger Menschen zum Thema gemeinsam mit Künstlern aus der Türkei und Griechenland erarbeitet“. (Zitat aus dem offiziellen Anschreiben an mich J ). Anders formuliert heißt das: Die Tragödie „DieFrauen von Troja“ von Euripides werden die Bühnen in Altenburg, Gera, Istanbul, Sirince bei Ephesos und Samos betreten. Und unser Schauspielensemble ist dabei und ich bin eingeladen, die Vorarbeiten zu begleiten. „Wie lieb ich so’n Land!“ Wenn es offen ist, zu Völkerverständigung einlädt, seine Geschichte kritisch befragt und Schlussfolgerungen zieht. Ich bin gespannt und ungeheuer aufgeregt und freue mich unendlich. Die Kultur ist der Kitt unserer Gesellschaft, behütet die verletzbare Schicht des zivilisierten Menschlichen über dem Archaischen. Kultur ist Lernen mit allen Sinnen von allen und  für alle, überall und schrankenlos.

Bei Radio Lotte in Weimar berichte ich vom Projekt.
 Ort- und zeitlos gültig ließ Euripides sein Stück mit der Aussage enden: „Wie dumm sind die Menschen, dass sie immer wieder Krieg führen, obwohl sie wissen, dass jeder Krieg für alle nur Leid bringt.“ Das könnte sogar Herr Schramm so gesagt haben.

Ich werde von mir hören lassen!
Birgit Klaubert

Freitag, 6. September 2013

KulturTAG in Weimar: "Goethe, Schiller und Kurt Schramm ...

... sind die Größten, die wir ham. Gezeichnet: Kurt Schramm"  Das ist übrigens eine wahrlich verkürzte Fassung des kleinen Vierzeilers mit dem schönen Namen "Eigenlob", das ein gewisser [Überraschung!] Kurt Schramm erfunden haben soll. Nur, zu eben diesem Namen findet man nichts.  Guckt man aber ein wenig tiefer in die Materie, wird Mensch feststellen, dass es einer der Vierzeiler ist, die dem Kaufmann und politisch äußerst umstrittenen Poeten Arthur Schramm IRRTÜMLICH zugeschrieben worden ist. Am Ende bleibt also: wir wissen nicht, wer es wo, wann, warum und in welchem Zusammenhang gesagt hat ...  aber es ist lustig (finde ich).

Und es passt zu Weimar.

Die "Gefahr" einer Residenz - Stadt  ist immer irgendwie, dass das kulturelle Erbe der Fürsten und Herzöge (auch in weiblicher Form) zu schwer wiegt. Dass es alles vereinnahmt und somit neue kreative Impulse im Keim ersticken lässt - nicht, weil kein Potenzial vorhanden ist, sondern schlicht und ergreifend weil das liebe Geld "erblastig" verteilt wird. Um die Balance zu halten braucht es daher immer Zweierlei: Verwaltungsspitzen mit einem kulturellen Selbstverständnis, das für ein Morgen und über den Tellerrand hinaus mitdenkt und eine Bürgerschaft, die kulturelle Impulse setzt und sich mit Pauken und Trompeten Gehör verschafft - in Kurt Schramm - Manier. Bloß keine Scheu vor dem Eigenlob! Sonst würden Goethe und Schiller und Gropius und Van de Velde und Nietzsche und wie sie alle heißen vielleicht auch wirklich die Balance zum Kippen bringen.
Kultur ist in Weimar überall!

 Ich glaube, Weimar selbst ist wirklich auf einem guten Weg. Aber die Landes- und Bundespolitik, so scheint mir, hat den Dreh noch nicht so ganz raus mit dem "Balance - Halten" zwischen Goethe, Schiller und Kurt Schramm. Das gilt übrigens nicht nur für Weimar ... aber es ist vielleicht auch nicht verwunderlich, denn eine Abkehr vom Denken in Schubladen, die gegeneinander gedacht werden. ( "Hochkultur" gegen "Soziokultur"), ist schwer. Das ist menschlich.
Zum Glück gibt es aber die Enthusiasten, die Verrückten, die Lebensliebhaber, die Querdenker, die Künstler, die Kunstliebhaber und die Idealisten auf allen Ebenen, die all ihr Herzblut und ihr Engagement in den Veränderungsprozess legen. Ich muss zugeben, ich zähle mich selbst auch dazu, was eines der Dinge ist, die Birgit Klaubert und mich sehr verbinden.

Deshalb war unser erster Termin an unserem KulturTAG am vergangenen Mittwoch zusammen mit Karola Stange und Dirk Möller auch so passend: DAS Jugendtheater e.V. im Stellwerk Weimar mit Frontfrau Kathrin Schremb verkörpert alles, was ich mit der "Kurt Schramm - Bewegung" meine. Das Stellwerk ist ein Kinder- und Jugendtheater und der Inbegriff einer kulturellen Bildungseinrichtung. Hier geht es nicht darum, Kinder und Jugendliche aufzubewahren und zu bespaßen. Klar, Spaß ist auch hier wichtig. Aber eben Spaß daran, sich selbst und seine Umgebung wahr zu nehmen,  zu entdecken, mit anderen in den Austausch zu treten und sich dabei auch im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch mit Themen des Lebens auseinander zu setzen. Und ja, so auch ein eigenes kulturelles Verständnis zu entwickeln.
Klingt alles super und das ist es ja auch. Das sehen selbst die PolitikerInnen im Landtag und neuerdings auch im Bundestag so. In unzähligen Sonntagsreden wird die Wichtigkeit kultureller Bildung hervor gehoben und doch ändert sich an den Gegebenheiten nichts. In Thüringen heißt das konkret, es sind gleich zwei Ministerien auf verschiedene Art und Weise für die Einrichtungen der kulturellen Bildung zuständig. Im Sozialministerium wird es unter "sozialer Arbeit" geführt, im Kultusministerium werden Projekte und Personalstellen gefördert und bei ganz großem Glück gibt es auch noch etwas für die die, die Spielstätten vorhalten. Aber alles abhängig von vielen Faktoren, von Haushaltslagen und Richtlinien, die zumeist von Verwaltungsjuristen durchgesetzt werden. Und wenn die Kommunen noch Geld für diese freiwillige Leistung übrig haben, ist es ein Glücksfall. Daher ist natürlich die Forderung, dass kulturelle Bildung Pflichtaufgabe werden muss, mehr als verständlich! 

Bühne frei mit Kathrin Schremb

 Wir als LINKE sagen ja generell, dass Kultur Pflichtaufgabe sein muss, dass es als Staatsziel in die Verfassung gehört, weil es Grundrecht und Daseinsvorsorge gleichermaßen ist. Aber es ist eben auch nicht die Lösung, es einfach nur zu tun, ohne die Kommunen finanziell besser auszustatten. Deshalb braucht Thüringen ein Kulturfördergesetz mit transparenten und solidarischen Förderstrukturen. Projektförderungen, die nur ein Jahr Laufzeit haben und zu fast 50 Prozent aus bürokratischem Aufwand bestehen, sind nicht nur nicht nachhaltig in der Wirkung, sondern hemmen zum einen den künstlerischen Prozess und lassen zum anderen Existenzangst und Zukunftssorgen zum Alltag werden. Das kann es doch nun wirklich nicht sein. Daher müssen mehrjährige Projektförderungen zur Gewohnheit werden und man muss sich angucken,ob nicht auch ein gewisses Budget mehr Spielraum geben würde.Ich könnte jetzt weiternachen mit einer Diskussion zu instituioneller Förderung und solchen Sachen, aber das würde für heute wohl den Rahmen sprengen ...

Dass der Bund sich stärker für die Kultur einsetzen muss, sieht übrigens auch Weimars Stadtkulturdirektorin Julia Miehe so, die sich ganz kurzfristig für uns Zeit genommen hat. Frau Miehe weiß, wovon sie spricht, denn sie ist zum Glück keine reine Verwaltungsperson (nichts gegen Verwaltungsbeamte - nur vor allem in Bereichen wie z.B. Kultur, Bildung, Soziales usw. gehört m.E. eine große Portion Verständnis und auch Gefühl für die Materie dazu!). Frau Miehe ist auf Zack und im ständigen Dialog mit allen: mit KünstlerInnen, mit PolitikerInnen, mit übergeordneten Strukturen, mit anderen Städten, Regionen usw. Sie denkt groß, sie denkt voraus und scheint so verwurzelt in Weimars Kunst- und Kulturszene, dass ich mich ernsthaft frage, wann die Frau eigentlich mal schläft. ;-) Sie ist wahrlich ein Bindeglied zwischen Goethe, Schiller und Kurt Schramm, um mal beim Bild zu bleiben. Ich hoffe, sie bleibt Weimar noch sehr lange erhalten.

Neu in Weimar ist die Geschäftsstelle des Thüringer Kulturrates, auch neu ist der Geschäftsführer Jörg Dietrich, der sich ebenfalls für uns Zeit nahm und mit uns über das Selbstverständnis des Kulturrats unterhielt, der sich Vereinen beziehungsweise Verbänden der Thüringer Kulturszene zusammen setzt und demnach natürlich eine starke Lobby für die Forderungen der Kulturszene sein kann. Ich wünsche mir, dass der Kulturrat, der seit diesem Jahr auch erstmals vom Kultusministerium gefördert wird, zu einem ganz lauten Sprachrohr wird. Ich wünsche mir aber auch, dass die jeweiligen Kulturvereine, -verbände und -initiativen noch mehr Kraft und Stärke zusammen finden und nicht müde werden, ihre Erfahrungen und ihre Forderungen mit Pauken und Trompeten anzubringen. Ich weiß selbst, wie viel Arbeit das ist, aber als starke Partner in einer Interessengemeinschaft wird das sicher zu schaffen sein.

 Karola Stange, Dr. Birgit Klaubert und Dirk Möller
  

Die letzte Station des KulturTAGes in Weimar zeigte einmal mehr, dass Kultur Identität schafft. Dass Kultur Werte schafft, die eben nicht in Zahlen messbar sind. Der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek war eine unsagbare Tragödie, aus der aber viel Positives erwachsen ist, wie uns Dr. Knoche und Dr. Weber anschaulich machen konnten. Nicht nur, dass noch während des Brandes und in den Tagen danach, Bürgerinnen und Bürger aus Weimar wie selbstverständlich sich ja auch in Gefahr begaben und alles vor den Flammen zu retten versuchten. Auch die Spendenbereitschaft für die Restaurierung der wertvollen Zeitzeugnisse ist bis heute ungebrochen. Ich finde das atemberaubend, wirklich. Und es freut mich unendlich, weil es zeigt, dass Bibliotheken und andere Kultur - und Bildungseinrichtungen eben nicht nur einfach da im Weg herumstehen, sondern für die Menschen einen Teil ihrer Lebensqualität ausmachen. Wenn das nicht der allerbeste Ansatz ist, das kulturelle Verständnis auch im politischen und verwaltungstechnischen Sinne umzusetzen, dann weiß ich's man auch nicht.
Dr. Weber erzählte uns auch sehr viel über die neu entwickelten Verfahrensweisen zur Restauration der Bücher und demnach auch über den immensen Forschungsfortschritt auf diesem Gebiet. Restaurierte Bücher in der Hand zu halten ist übrigens ein fast unbeschreibliches Gefühl, denn man sieht noch Brandrückstände, man sieht noch das Löschwasser, das sich für immer in die teils pulverisierten Seiten gebrannt hat. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders beschreiben soll, aber ich hatte das Gefühl, einem einmaligen Moment beizuwohnen. So beeindruckend war es.
Mit Filzpantoffeln ging es dann in den rekonstruierten Rokokosaal. Das sieht man oben auf dem Bild. Nicht den Saal, aber die Filzpantoffeln. Der Saal selbst ist ehrwürdig und man kann es sich kaum vorstellen, dass dort vor knapp 10 Jahren mit einem Mal alles in Schutt und Asche lag. Ich weiß, dass Birgit damals kurz nach dem Brand das zerstörte Gebäude besichtigt hat. Ich kann nur erahnen, wie es ihr bei diesem Anblick ergangen sein muss.

Da die Zeit leider dann zu knapp wurde, konnten wir das Studienzentrum leider nicht mehr besichtigen, aber  das wäre sicher eine großartige auswärtige Sitzung des Ressort "Kultur und Jugend" der Landtagsfraktion wert. Schließlich gibt es auch Kooperationen mit Schulen, internationale Seminare, Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer. Birgit und Dirk haben da schon einen Plan und ich freue mich auf eine möglichst baldige Rückkehr an diesen tollen Ort.

Ich könnte noch so viel mehr sagen, so viele Eindrücke versuchen in Worte zu fassen ... so oft war ich schon in Weimar und doch kann man es immer wieder neu entdecken. Ich entschuldige mich gleich mal bei der geneigten Leserschaft für meine sinnierende Grundhaltung, aber es gibt viel zu denken und es gibt noch mehr zu tun - auf allen Ebenen!

In diesem Sinne: möge Kurt Schramm in uns allen wohnen und Hand in Hand mit Goethe und Schiller gehen wollen!

Ein schönes Wochenende wünscht
Katinka Mitteldorf

Freitag, 23. August 2013

Fröbel und Ecuador: Gedanken von Estefania

Wir hatten ja gestern berichtet, dass wir in Bad Blankenburg mit unserer lieben Praktikantin Estefania den KulturTOUR - Tag verbracht haben. Daher baten wir sie, uns ihre Eindrücke für diesen Blog einmal mitzuteilen. Gestern Abend kam folgende E - Mail:


Estefania im Fröbelmuseum

"Mein Name ist Estefania Alejandra Cepeda Velasquez, ich komme aus Ecuador und studiere  Politik,- und Wirtschaftwissenschaften an der Martin Luther Universität Halle Wittenberg. Ich absolviere gerade ein Praktikum im Thüringer Landtag bei der Fraktion DIE LINKE im Bereich Bildungs- und Kulturpolitik.

Als Vertreterin von Susanne Hennig war ich heute dem 22.08.2013 gemeinsam mit Birgit und Katinka zu Gast in Bad Blankenburg zur  KulturTOUR.

Mein Tag hat im Rathaus Bad Blankenburg angefangen, wo ich meine ersten Eindrücke über Friedrich Fröbel und sein weltbekanntes Kindergartensystem gesammelt habe. Danach waren wir im Fröbelkindergarten, wo wir die  praktische Seite seiner Spiel,- und Beschäftigungsmethode sowie die Erziehungsmethode live erlebt haben.

Da ich aus meiner Kindheit das Bild der ErzieherInnen eher als eine Figur der Autorität elebt habe; und den Kindergarten als einen Platz, an dem ich zur Diziplin erzogen wurde, und nur in den Pausen und im Sportunterricht  Zeit zum  spielen hatte, habe ich im Fröbelkindergarten eine komplett  neue Erfahrung gemacht. Die ErzieherInnen pflegen eine kooperative Kommunikation mit ihren Kindern,  sie motivieren und begleiten den  Bildungsprozess ihrer kleinen Schützlinge. Es war mir eine Freude mit den Kinder zu spielen, ihre Umgebung kennen zu lernen und das  erinnerte mich an meine Kindeheit. Dies weckte den Wunsch in mir meinen Kindern ein ähnliches Betreungskonzept zu Teil werden zu lassen.

Danach waren wir im Fröbelmuseum in Bad Blankenburg, wo Frau Dr. Rockstein, die Leiterin des Museums, uns über Fröbels Philosophie;  die Relevanz der  verschidenen geometrischen Figuren in der  frühen Kindheit aufklärte  und uns anschaulich machte, wie Kinder mit  korrekten und konstanten  Kommunikationswegen beim Spielen auch lernen können.

Fröbel hat uns ein sehr vielfältiges Konzept der Kindergärten geschenkt  und ich bin der Meinung wir sollten alles dafür  tun, dieses  Bildungs -und Kultursystem zu fördern." 



Donnerstag, 22. August 2013

KulturTOUR Tag 4: „Kommt, lasst uns unseren Kindern leben!"


Inzwischen ist Donnerstag und für die KulturTOUR „Fröbeltag“. Katinka und ich merken, dass selbst mit großen Zeitpuffern kaum alles zu schaffen ist, was für uns auf dem Programm steht. Heute bekommen wir zu unseren Terminen noch weiteren Besuch. Wir holen unsere Praktikantin Estefania aus Ecuador vom Bahnhof ab. Auf dem Weg zum Rathaus erzähle ich ihr ganz kurz von Friedrich Fröbels Idee der Kindergärten und meine, alles andere wird sie in den folgenden Stunden erfahren.
Der Weg in die „Amtsstube“ des Bürgermeisters führt über einen gläsernen Fußboden, unter welchem sich ein ausgegrabener Brunnen befindet. Der Blick nach unten in die Vergangenheit der Stadt ist interessant, das Bauchgefühl eher komisch. Die Amtsleiterin Frau Jana Eckardt lächelt. Ja, sagt sie, die Kinder aus dem Kindergarten, die uns immer einmal besuchen, laufen auch ganz vorsichtig darüber. Und es geht hinauf zum Besprechungsraum im Zimmer des Bürgermeisters Frank Persicke, der zwar alles gut organisiert hat, aber leider nicht anwesend sein kann. Auch er hat das Recht auf Urlaub. Das hatten wir schon bei der Verabredung zum „Fröbeltag“ besprochen. Aber aus der Ecke grüßt das rote Entchen, mit dem alles angefangen hat.

Dienstberatung unter Aufsicht der roten Ente (links hinten) :-)
In Bad Blankenburg ist man dabei, das Fröbel-Erbe als immaterielles Weltkulturerbe vorzubereiten. Seit diesem Jahr läuft eine Fröbeldekade, es gibt viel Unterstützung in der Region, die zahlreiche Fröbel-Stätten zu bieten hat und Herr Kropp vom Arbeitskreis eröffnet die Beratung. Er ist vorläufig der einzige Mann im Raum, so dass ich ihn scherzhaft mit „Herr Fröbel“ anspreche. Er lässt es zu und nach kurzer Zeit sind wir in lebhafter Unterhaltung, bei der die Leiterin des Kindergartens Frau Bergmann ständig auf die Zeit drängen muss. 



Und sie hat wahrlich gute Gründe, denn im Fröbel-Kindergarten erwartet man uns schon sehnsüchtig. Und dabei soll es nicht um das Erzählen über den berühmten Pädagogen gehen, sondern um das Anschauen der Arbeit und um das Mitmachen. Inzwischen haben wir weiteren Besuch bekommen. Ein kleines Team vom Offenen Kanal Gera wird den Tag begleiten.

v.l.n.r. B. Klaubert, K. Bergmann und H. Hentschel

Und dann wird es richtig anschaulich. Im großen Kreis singen und spielen wir mit den Kindern „Jetzt öffnen wir das Taubenhaus“, (Katinka hat sich kameratechnisch in andere Verantwortung begeben J),wir laufen barfuß über den Sinnenspfad, ich sitze mit den Kindern am Tisch, um frisch geernteten Salbei vom eigenen Beet für den Tee zu zupfen und erfahre von der Aktion der Eltern, die Holzhäuser zum Ballwerfen entwarfen und aufstellten. Die Zeit verrinnt wie im Flug. 

Kleine Dienstberatung :-)
Wir wollen noch bei den ganz Kleinen vorbei, die wir aber nicht während der Mittagsruhe stören wollen und lassen das wunderbare „Kinderhaus“ auf uns wirken. Auf dem Dachboden wohnt die Kindergartenfee. Ich habe sie ganz kurz besuchen dürfen und sie ist mächtig stolz auf den Kindergarten. Besonders glücklich ist sie darüber, dass er nach Friedrich Fröbel auch noch KinderGARTEN heißen darf und nicht den technischen Begriff der KITA führt. Doch wir müssen uns trennen und damit auch von der Leiterin, den Kolleginnen und den Kindern. Fast im Fröbelschen Sinn hinterlassen wir Gaben: Buntstifte für die Kinder und...das rote Entchen.


Wir werfen noch einen Blick in den Fröbelsaal im Rathaus; hier wurde der Beschluss gefasst, den Kindergarten zu gründen und eilen zum Friedrich-Fröbel-Museum.

Birgit Klaubert, die rote Ente und Margitta Rockstein
vor Friedrich Fröbel
Die Leiterin Margitta Rockstein kenne ich schon. Ich war hier, als es um das Überleben des Museums ging und Frau Rockstein hat das in Erinnerung behalten. Und dann zieht sie uns alle in den Bann. Sie ist ausgebildete Kindergärtnerin, Wissenschaftlerin und eben Museumschefin. Als sie die Fröbelschen Gaben präsentiert, werden wir wieder zu Kindern: die regenbogenfarbenen Bälle verfolgen wir mit den Augen, wir öffnen die Hände, um Bälle zu fangen, staunen über die Veränderung der Holzkörper, wenn sie in Rotation versetzt werden und begreifen Fröbelsche Pädagogik. 



Kameramann aus Gera sitzt staunend daneben und erzählt, dass seine Frau Kindergärtnerin sei. An diesem Abend wird es bei ihm zu Hause sicher ein langes Gespräch geben, dessen Inhalt ich mir gut vorstellen kann. Der Gang durch das Haus, die Betrachtung der Exponate, die zum Teil aus aller Welt nach Bad Blankenburg gekommen sind, der Blick in das Magazin mit den Arbeitsheften der Kindergärtnerinnen aus längst vergangenen Zeiten beendet den Besuch. Wir sind mit Eindrücken und Wissen erfüllt, das Kamerateam ist glücklich, dabei gewesen zu sein und unsere Praktikantin aus Ecuador weiß jetzt mehr über Fröbel als mancher deutsche Politiker, der über Bildung und Erziehung zu entscheiden hat.


Ich muss vielleicht noch anfügen: Das rote Entchen sitzt jetzt auch im  Museum und zeugt davon, dass Bildung und Kultur zusammengehören. Wer auch noch die politische Dimension dieser Erkenntnis begreifen will, dem empfehle ich einen Besuch im Fröbel-Museum. Es kann ja nicht alles in diesem Blog verraten werden.









Mittwoch, 21. August 2013

KulturTOUR Tag 2: Der Reiz von Greiz.


Man mag es kaum glauben, das Mitteldorfsche Navi führte uns am Dienstag tatsächlich auf den schnellsten Weg von Zeulenroda nach Greiz und dazu noch auf einen der wenigen Parkplätze, die gebührenfrei sind. An der Bibliothek angekommen, standen die ersten Besucherinnen und Besucher schon vor dem Haus und warteten auf die Öffnung. Katinka und ich ließen es uns nicht nehmen, uns in diese „Schlange“ einzureihen, um mit den erstaunten Worten begrüßt zu werden: „Oh, Sie sind schon da!“ Ja, ich war wieder einmal zu Gast bei Frau Gutmann, der engagierten Bibliotheksleiterin und ihrem Team und wollte diese Bildungs- und Kultureinrichtung unbedingt auch unserem Kandidaten für den Bundestag, Frank Tempel, zeigen.
Beeindruckend ist es schon, wie auch hier auf jedem Quadratzentimeter Bibliotheksarbeit für alle Generationen und Gruppen geleistet wird. Und deutlich wurde bereits, wie gut die Vernetzung von Kulturakteuren in dieser Region funktioniert. Viele kennen sich seit vielen Jahren, unterstützen sich bei den verschiedenen Projekten, bewerben gegenseitig ihre Veranstaltungen und stehen sich mit Rat und Tat zur Seite. Die Bibliothek in dieser Form und an diesem Ort feiert demnächst ihren 20. Geburtstag und natürlich kommen die Gratulanten mit ihren Programmen an die „Geburtstagstafel“. 
Interessant ist auch die Zusammenarbeit mit der Justizvollzugsanstalt Hohenleuben.  Frau Gutmann erklärte uns ihre Zusammenarbeit mit der JVA so: „Vielleicht kommt die Lieben zu den Büchern so in den Köpfen an, dass danach für manchen Blödsinn kein Raum mehr ist.“

Frau Gutmann, ein Hinweis auf den Thüringer Bibliothekspreis,
Frank Tempel und Birgit Klaubert.

Wir redeten auch über Rechtsextremismus und Perspektivlosigkeit bei Jugendlichen, für die die Greizer Bibliothek mit all ihren Kooperationspartnern auch ein Ausweg sein möchte. Frank Tempel brachte seine Erfahrungen aus der Polizeiarbeit ein und wir fachsimpelten darüber, wie Bildung und Kultur diese Gesellschaft tatsächlich verändern können. Die Zeit verflog.

Katinka und ich versuchten dann, ein bisschen Freizeit mit der Suche nach einem Mittagsimbiss unter freiem Himmel zu genießen. Das wiederum war nicht so einfach und ließ mich über die Stadt grollen, von der Katinka ständig sagte: „Das ist aber schön hier.“

Die Zeit des Treffens mit den Freunden vom Greizer Theaterherbst rückte näher. Wir passierten die Brücke über die Weiße Elster, die während des Hochwassers über die Ufer getreten und fast bis zur neuen „Vogtlandhalle“ vorgedrungen war.
Greiz hat eine wunderbare Silhouette und manche Bürgerhäuser am Straßenrand lassen bessere Zeiten ahnen.

An der „Vogtlandhalle“ trafen wir dann auf Maja Brachatscheck, Undine Hohmuth und Christian Tischner vom Vorstand des Vereins „Greizer Theaterherbst“ und bekamen zunächst die Gelegenheit, das neue Haus zu besichtigen. Viel ist in den vergangenen Jahren um den Abriss des alten Theaters und den Neubau diskutiert worden. Bei den LINKEN gab es eher Skepsis ob der Richtigkeit der Entscheidung, diese neue Stadthalle mit über 900 Besucherplätzen zu erreichten.
 Hinter die Kulissen geschaut, eröffnet sich allerdings ein hervorragender Blick auf Arbeitsbedingungen für die Philharmoniker der Vogtlandphilharmonie und zahlreiche Vereine, die im musischen Bereich tätig sind. Auch für die Gäste auf der Bühne präsentiert sich das Haus von seiner besten Seite.
Undine Hohmuth ist seitens der Stadtverwaltung verantwortlich für das Haus und mächtig stolz, denn inzwischen kommen zahlreiche Gäste aus allen umliegenden Bundesländern wegen der Veranstaltungen hier nach Greiz.

Birgit Klaubert und Undine Hohmuth

Der „Greizer Theaterherbst“ hat hier zwei kleine Büroräume und harrt noch auf bessere Bedingungen für den Fundus. Wir durften aber schon einmal einer kleinen Gruppe beim Tanz-Workshop zuschauen. Während des Theaterherbstes steht die Stadthalle auch dafür zur Verfügung. Das Festival beginnt übrigens am 12. September und läuft in diesem Jahr unter dem Motto „Wagt Liebe?!?“.

Der Abend endete auf einer wunderschönen italienischen Terrasse bei individueller Auswertung und zeigte wirklich, dass Greiz einen ganz besonderen Reiz hat.

Ach, und fast hätte ich es vergessen: Die Ente war naürlich immer dabei und hat sich inzwischen zum „Kulturvogel“ entwickelt. Wenn ein Gespräch zu Ende geht, lugt sie vorwitzig aus der Tasche und fühlt sich gleich zu Hause, nun auch in der Greizer Bibliothek, in der „Vogtlandhalle“ und beim Greizer Theaterherbst.  Ich glaube, sie meinte gestern, dass sie schon ein „geheimes Netzwerk“ mit ihren Freunden an anderen Kulturorten Thüringens aufgebaut hat. Wir werden wohl immer mal nach ihr schauen müssen.

Frank Tempel, Birgit Klaubert, die rote Ente und der Greizer Theaterherbst,

Mittlerweile ist es Mittwoch Vormittag und wir sitzen nebeneinander im Schlossberghotel Greiz, was wir liebend gern empfehlen möchten. Gleich geht es nach Rudolstadt, wo wir einer lieben Genossin noch einen Überraschungsbesuch abstatten wollen, den Birgit ihr schon ganz lange versprochen hat. J

Danach fahren wir nach Unterwellenborn und treffen uns mit der Bürgermeisterin Andrea Wende. Bis zum nächsten Blogeintrag kann die geneigte Leserschaft ja einmal googlen, wo Unterwellenborn liegt. ;-)

Liebe Grüße,
Katinka Mitteldorf und Birgit Klaubert